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Ja, es wird geschehen am Ende der Tage, da wird der Berg des Hauses des Herrn festgegründet stehen an der Spitze der Berge, und er wird erhaben sein über alle Höhen, und alle Heiden werden zu ihm strömen. (Jesaja 2,2)

Dienstag, 6. September 2011

Wer hat Angst vor’m freien Markt?

Wir leben in einem Land, in dem Meinungs- und Religionsfreiheit hoch angesehen werden. Auch auf unsere Presse- und Reisefreiheit sind wir stolz. Beim Recht, freien Handel zu betreiben, sind wir jedoch skeptisch. So auch mein Onkel Heinz. Jeder Wirtschaftsboss ist für ihn ein Krimineller. „Die Drecksäck da obbe mache doch, was se wolle. Un de klaane Mann guckt mim Arsch uff die Uhr.“ Heinz ist fünfundfünfzig Jahre alt, Kfz-Mechaniker und Gewerkschaftsmitglied. Seit ich denken kann, ärgert er sich grün, wählt rot, ist abends blau und arbeitet nebenbei schwarz. Ein bunter Hund. Dreimal im Jahr streift er sich eine Mülltüte über, stellt sich mit einer Rassel vor die Tore seines Arbeitgebers und ruft mit seinen Genossen Parolen, die man leider nicht verstehen kann, weil die meisten seiner Mitstreiter eine Trillerpfeife im Kehlkopf implantiert haben. Eigentlich sind die Forderungen der Gewerkschaften seit dreißig Jahren die gleichen: mehr Geld, weniger arbeiten. „Mir fordern mehr Prozende – mit fuffzisch in die Rente!“

Aber stellen Sie sich nur mal vor, zu Zeiten von König Ramses hätte es schon eine 35-Stunden-Woche gegeben. Da wäre von den Pyramiden gerade mal die Tiefgarage fertig geworden. „Tut uns leid, Pharao, aber wir haben Zeitausgleich!“ Letztes Jahr hat die IG Metall sogar eine Studie in Auftrag gegeben, die ergab, dass Arbeit die Hauptursache aller Betriebsunfälle ist.

Als Heinz 1971 seine Lehre begann, war die Welt noch klar und einfach. Es gab zwei Weltmächte, zwei Fernsehprogramme und zwei große Volksparteien. Gut und Böse waren eindeutig unterscheidbar. Und wir sind alle mit realen Bedrohungen aufgewachsen: Kalter Krieg, Nato-Doppelbeschluss, Apfelshampoo. Jeden Morgen ging Onkel Heinz stolz durchs Werkstor und montierte Hutablagen in Autos, deren Modellnamen an Meerestiere und Schweizer Urlaubsorte erinnerten. Als fertiger Geselle verdiente er sechs Mark in der Stunde, hatte zwanzig Tage Urlaub im Jahr und träumte von einem orangefarbenen Sportcoupé aus hauseigener Produktion. Natürlich mit Fuchsschwanz, Lufthutze und Rallyestreifen. Heinz war zufrieden. Heute hat er ein eigenes Häuschen, sitzt unkündbar im Betriebsrat, fährt heimlich Daimler-Benz und nölt den ganzen Tag herum.

„Es werd‘ immä schlimmä mit dem Turbokapitalismus. Guck dir doch mal die Armut in Deutschland an …“ Traurig, aber wahr. Jedes Jahr zur Spargelernte und Weinlese müssen zehntausende Ukrainer, Tschechen und Weißrussen nach Deutschland gekarrt werden, weil die von Armut betroffenen Deutschen mittlerweile zu schwach sind, um diese Arbeiten ausführen zu können. Da immer mehr Manager aus Profitgier unsere Arbeitsplätze nach Polen verlagert haben, haben die Polen mittlerweile Wichtigeres zu tun, als uns den Spargel zu stechen und den Wein zu lesen. Ich befürchte, wenn diese Entwicklung in dem Tempo weitergeht, haben bald auch die Ukrainer, Weißrussen und Tschechen keine Zeit mehr für uns. Dann müssen wohl oder übel die Kasachen und Mongolen ran. Aber ob sich das noch mit den Fahrkosten rechnet? Vielleicht kann man da ja was mit der Pendlerpauschale machen.

„Scheiß Globalisierung“, so der frustrierte Kommentar meines Onkels. Dabei ist die Idee des globalen Handels keine neue Erscheinung. Bereits im sechzehnten Jahrhundert sind die Spanier nach Südamerika gefahren und haben den Indios Gold, Kartoffeln und Tomaten geraubt. Dafür spielen die Indios zur Strafe bis zum heutigen Tag Panflöte in der Fußgängerzone. Vielleicht gibt es ja deswegen in Deutschland so viele Globalisierungsgegner.

Doch seit der freie Handel große Teile der Welt erfasst hat, haben sich mehr Menschen von Armut befreit als jemals zuvor in der Geschichte. In den letzten fünfzig Jahren sank der Anteil der Menschen, die in den Entwicklungsländern nicht genug zu essen hatten, von fünfundvierzig auf achtzehn Prozent. Im gleichen Zeitraum stieg die weltweite Lebenserwartung von fünfunddreißig auf siebenundsechzig Jahre.

Selbst die schlechten Dinge haben sich verbessert. Nervige Musik beispielsweise ist durch die Globalisierung viel kürzer geworden. Während Richard Wagners Ring der Nibelungen mehr als drei Tage dauert, dudelt Poker Face von Lady Gaga kaum mehr als drei Minuten.

Meinem Onkel sind die positiven globalen Entwicklungen wurscht. Stattdessen fürchtet er, dass die Hutablage demnächst in einem Werk in Bangalore eingebaut wird. Dabei hat der Inder zu Hüten überhaupt keinen Bezug. Jeder weiß doch, dass Turbane in den Erste-Hilfe-Kasten gehören.

Die freie Marktwirtschaft macht ihm Angst, weil sie seinem Arbeitgeber mehr Freiheiten gibt, als er ertragen kann. Deswegen findet er auch den Gedanken an staatliche Regulierungen so charmant und fordert bei den Gewerkschaftsdemonstrationen ein konsequentes Eingreifen von Frau Merkel. Aber was genau soll die gute Frau denn tun? Die Grenzen dicht machen und eine Mauer hochziehen?

Tatsächlich gibt es sehr wenige Beispiele, in denen staatliche Lenkung besser funktioniert als freie Marktwirtschaft. Im Ostblock wurden bekanntlich die Straßen nicht unter dem Gesichtspunkt angelegt, dass jemand vielleicht irgendwo hingelangen will, sondern, wie man darauf die eindrucksvollsten Militär-Paraden abhalten kann. Die Ampelschaltungen in Chemnitz oder Leipzig wurden nicht etwa so eingestellt, dass der Verkehrsfluss garantiert war, sondern so, dass drei Luftwaffenbatallione und hundert Raketenwerfer innerhalb einer Grünphase die Kreuzung passieren konnten.

Immer dann, wenn man versucht hat, Wettbewerb und Konkurrenz zu unterdrücken, ist man damit gegen die Wand gefahren. Wenn Sie in der DDR in einen Eisenwarenladen gegangen sind, haben Sie keine Nägel bekommen. Da gab’s auch keinen Hammer. Von einer Sichel ganz zu schweigen. Das einzige, was die hatten, war: „Geöffnet“. Und auch nur, weil es noch nicht mal Schlösser gab.

Die meisten Menschen glauben dennoch: Je komplizierter eine Gesellschaft ist, desto weniger dürfe man sie sich selbst überlassen. Das heißt, umso mehr muss sie gelenkt, geplant, reguliert und konstruiert werden. Das ist ein großer Trugschluss. Aus der Physik weiß man, dass sich nur die allereinfachsten Systeme sinnvoll regulieren lassen. Je komplexer ein System wird, umso kontraproduktiver erweist sich eine bewusste Steuerung. Ein Beispiel: Die holländischen Gemeinde Drachten hatte mit einer sehr hohen Verkehrsbelastung zu kämpfen. Deswegen versuchte man, den Verkehr durch immer mehr Ampelanlagen und Schilder besser in den Griff zu bekommen. Mit katastrophalen Folgen. Bis der städtische Verkehrsplaner auf eine vollkommen verrückte Idee kam: Er ließ praktisch über Nacht alle Ampeln und Schilder abbauen! Mit dem paradoxen Ergebnis, dass nach kurzer Eingewöhnungsphase der Verkehr plötzlich wieder geflossen ist. Die Autofahrer achteten nicht mehr auf starre Regeln, sondern auf die anderen Verkehrsteilnehmer.

Ich glaube, manchmal ist es besser, nichts zu tun, als das falsche. Auch wenn das mein Onkel Heinz partout nicht einsehen will. Insgeheim sehnt er sich nach einer DDR-light, in der es keine Arbeitslosigkeit gibt, kein Outsourcing und vor allem keine asiatischen Reisschüsseln mit serienmäßiger Sitzheizung und affiger Einparkhilfe. Jedes Mal, wenn er auf seinem Samsung-Flachbildschirm die neueste Toyota-Werbung sieht, schaltet er demonstrativ auf Arte.

Freie Marktwirtschaft garantiert uns Wohlstand, Kiwis für neunundzwanzig Cent und die Chance, dass ein indischer Arbeiter sich aus eigener Kraft von Armut befreien kann. Und irgendwann kann er sich vielleicht sogar ein orangefarbenes Sportcoupé aus hauseigener Produktion leisten. Mit Fuchsschwanz, Lufthutze und Rallyestreifen. Turban-Ablage inklusive.

Natürlich wird der freie Markt nie perfekt funktionieren, aber er funktioniert immer noch besser als die meisten staatlichen Lenkungen. Wem vertrauen Sie mehr? Ebay oder unserem Rentensystem? Wo ist es sicherer? In Ihrem Garten oder im Stadtpark? Wo ist es sauberer? Auf öffentlichen Toiletten oder in Ihrem Badezimmer? Sollten Sie ein männlicher Single sein, vergessen Sie die letzte Frage.


Der Text erscheint in Vince Eberts neuem Buch „Machen Sie sich frei. Sonst tut es keiner für Sie“ Ab jetzt im Handel. Weitere Infos unter www.Facebook.com/Vince.Ebert oder www.vince-ebert.de



Kommentare:

  1. Oberflächliches wiederholen einer in die Jahre gekommenen Wirtschaftsphilosophie...was ist denn mit der sechsfach überzeichneten Geldmenge ..die die Realwirtschaft in bälde in den Abgrund treiben wird...und vielleicht eine Globale Hungersnot auch in den westl. Ländern erzeugen wird....ich glaube das Römische Sklaven seinerzeit harmonischer lebten...als wir in unserer vom Geld versklavten ach so modernen Gesellschaft...demokratische Freiheit ist eine Freiheit der 10% Besserverdienenden...Freier Markt..das ich nicht lache...wenn es um Gewinne der Banken geht werden sie auf einmal ganz sozialistisch und lassen wiedermal die Sklaven bluten.

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  2. Traurig, wenn man sich hinter "Anonym" verstecken muss, weil's sonst jemand lesen könnte der mich kennt und dann sagt:

    Bo ej, so 'ne Meinung hat der??? Na danke, mit dem will ich auch nix mehr zu tun haben.

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